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HORSCH Seminar 2019

Kassensturz

„Digitalisierung lohnt sich im Ackerbau nicht.“ Mit dieser Aussage wurde Michael Horsch in der Online-Ausgabe eines großen Agrarmagazins zitiert. Das ist zwar nicht ganz falsch, aber doch sehr verkürzt wiedergegeben. Auf dem HORSCH Seminar 2019 berichteten Wissenschaftler und Praktiker über ihre Erfahrungen zu diesem Thema.

Ausverkauftes Haus auf dem Sitzenhof. Die fast 1.100 qm große Schulungs- und Ausstellungshalle war bis auf den letzten Platz belegt. Die personalisierten Tickets konnten dieses Mal erstmals nur online erworben werden - ein System, das sich bewährt hat. Durch das Programm des Tages führte Michael Braun vom HORSCH Marketing. Während sich alle anderen Referenten im weitesten Sinne mit der Digitalisierung beschäftigten, startete der Tag ackerbaulich.

Mit Zwischenfrüchten mehr erreichen

Dr. Wilfried Hartl, Institutsleiter Bio Forschung Austria, forscht seit 1979 im Bereich des viehlosen Bio-Ackerbaus. Dabei liegen seine Schwerpunkte auf Kreisläufen, Nährstoffverfügbarkeiten und Biodiversität mit der Fragestellung: „Wie können wir im Bio-Bereich punktgenau düngen?“ Er erklärte: „In der biologischen Landwirtschaft wird über den Boden gedüngt. Pflanzen haben schlaue Tricks gefunden, um sich über den Boden zu ernähren.“ Drei Organismuswelten haben dabei Einfluss auf die Ernährung: Produzenten (von CO2 und O2), Konsumenten (Tier, Mensch) und Destruenten (Bodentiere, Pilze, Bakterien). Dies gilt laut Dr. Wilfried Hartl als Basis zum Verständnis biologischer Landwirtschaft.

Das bedeutet also: Wenn man Mist hat, kann man leicht biologische Landwirtschaft betreiben, aber wie sieht es mit viehlosen Betrieben aus? „Nach zwei bis drei Jahren ohne Mist sinken die Erträge um zwei Drittel, da die Energiezufuhr zum Boden fehlt“, sagte der Wissenschaftler. Wenn man keine Stalltiere hat, welche Tiere können dann die nötige Energie liefern? „Bodentiere sind der Schlüssel zum Erfolg“, erklärte Dr. Wilfried Hartl. Im Boden seien mehrere Großvieh-Einheiten an Nematoden, Regenwürmern usw. vorhanden. „Wenn man Bodentiere als Vieh ansieht und sie entsprechend füttert, kann man viehlos biologische Landwirtschaft betreiben“.

1983 begannen in Österreich Versuche mit Lebensmittelkompostierung. Dabei kam heraus: Mit Kompost kommt viel Kohlenstoff als „Dauer-Humus“ in den Boden. Aber wie können wir zusätzlich Humus in den Boden einbringen - über Zwischenfrüchte? Definitiv ja, so Dr. Hartl. Zwischenfrüchte sind Lieferanten von Nährstoffen und Kohlenstoff. Aber gerade in seiner Heimat im Süd-Osten Österreichs sei es oft sehr trocken und Zwischenfruchtanbau daher schwierig, aber nicht unmöglich. Als gute Ergänzung bringt die richtige Bodenbearbeitung weitere positive Effekte. Aber, so warnte der Experte: „Pfluglos bedeutet nicht gleich Humusanreicherung!“

Wichtig sei das Porenvolumen von 40 bis 60 %, denn dort leben Bodenlebewesen und Wurzeln. Die Porenkontinuität sei wichtig, um z.B. Hochwasser zu vermeiden. Verhindern sollte man dagegen Totwasser, da die Pflanze mit ihren Wurzelhärchen nicht drankommt. Mittlere Poren haben das höchste Speichervolumen von Wasser, vor allem sehr ausgeprägt in Lössböden. Ein Tonboden hat dagegen 60 % Porenvolumen, aber bis zu 40 % Feinporen, die mit Totwasser gefüllt sind. Da es keine Maschinen gibt, die Bodenporen fördern, müssen Pflanzenwurzeln mit Bodenorganismen einspringen. Mithilfe von Begrünung kommen mehr Wurzeln in den Boden. Dr. Wilfried Hartl empfiehlt eine möglichst leguminosenfreie Begrünung, um keinen Infektionsdruck zu schaffen. Ein Anteil bis 20 % sei aber noch in Ordnung (die Wahl sei jedoch standortabhängig).

Gerade in Trockengebieten sollte die Zwischenfrucht direkt hinter dem Mährescher gesät werden, um einen weiteren Wasserverlust so gut es geht zu vermeiden. Hier zählt oft jede Stunde. Bei spät gesäter Begrünung (nicht sehr weit entwickelte Pflanzen) sei das C/N-Verhältnis niedrig (unter 10), sodass die Nährstoffe so schnell verfügbar wie bei Gülle seien. Phacelia hat dagegen ein C/N-Verhältnis über 60. Dies sei gut für Dauer-Humus, aber schlecht für schnell verfügbaren Nähr-Humus. Der Experte sagte dazu: „Der Landwirt sollte genau überlegen: Was ist das Ziel meiner Begrünung?“ Sein Fazit lautete: Wenn die Wurzeln ohne Pflugsohlenverdichtung wachsen können, hat der Anbauer alles richtiggemacht!

Impulse zur Digitalisierung

Michael Horsch, Geschäftsführer der HORSCH Maschinen GmbH, berichtete in seinem Vortrag über die aktuellen Herausforderungen der Branche. Im November 2017 begann die Diskussion, dass Glyphosat verboten werden soll. Er zeigte auf, dass in Müsli Fungizide, Insektizide und Wachstumsregler viel mehr vertreten seien als Glyphosat. Das Herbizid sei durch Sikkation in die Nahrungsmittel gekommen, was Michael Horsch sowieso grundsätzlich als höchst kritisch ansieht. Eine Landwirtschaft ohne Glyphosat bedeutet mehr Eisen, erklärte er. Horsch sei aber darauf vorbereitet, dass Glyphosat verboten werden könnte. „Der CO2-Abdruck wird schlechter werden durch mehr Überfahrten, die Bodenbearbeitung wird steigen. Ein Verbot wäre ein Rückschritt für die moderne Landwirtschaft“, sagte Michael Horsch. Er hoffe darauf, dass auf europäischer Ebene ein Kompromiss gefunden wird.

Die nächste Herausforderung folgte im Dezember 2018, als Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner 20 % weniger Zucker und Fett in Nahrungsmitteln forderte und des Weiteren das Palmöl sukzessiv abschaffen will. Im Februar 2019 schloss Südzucker fünf Fabriken. Den bewussten Umgang mit Nahrungsmitteln sieht Michael Horsch allerdings positiv. Ebenfalls im Februar 2019 erklärte die DLG, dass die Grenzen im rein technischen Fortschritt erreicht seien. „Der Wildwuchs unter den Ingenieuren muss zurückgefahren werden. Mehr Sensoren bringen auch nicht immer mehr Erfolg“, sagte der HORSCH Geschäftsführer.

Das (erfolgreiche) Volksbegehren gegen das Bienensterben fand ebenfalls im Februar 2019 statt. Dies forderte: 10 % Blühstreifen und 30 % bio. „Interessanterweise kommen jetzt neutralere Artikel zu dem Thema“, freute sich Michael Horsch. Er führte als positives Beispiel www.bluetenkorn.de an, das eine positive Resonanz erfahre, obwohl Pflanzenschutzspritzen eingesetzt werden. Der Landwirt hat hier alle 30 m im Weizen Blühstreifen eingesät, die er nicht chemisch behandelt. Michael Horsch forderte die Anwesenden auf: „Jeder von uns muss Advokat sein, der rausgeht, Kontakt mit Nachbarn aufnimmt und in die Diskussion einsteigt.“ Die Landwirtschaft sei an einen Punkt gekommen, an dem zu viel Chemie und teilweise zu schwere Maschinen eingesetzt würden.

Er berichtete, dass die Familie Horsch seit 50 Jahren das Gut Sitzenhof bewirtschafte - und zwar seit 50 Jahren pfluglos. Vor 40 Jahren begann dort ein staatlicher Drei-Felder-Versuch (Direktsaat, Grubber, Pflug). Das Ergebnis: Betrachtet man die Krume, so sind im Vergleich zur Direktsaat im gepflügten ¼ und in den gegrubberten Parzellen ½ der Regenwürmer zu finden. Die Familie Horsch sei früher sehr belächelt worden. Allerdings hätten sie den Gedanken über den gesunden Boden nie verloren. „Die gesamte Familie hat den Gedanken bzw. die Vision gemeinsam vorangetrieben“, erklärte der Geschäftsführer. Dabei habe immer im Mittelpunkt gestanden: Reicht der Zustand des Bodens aus für die weiteren Jahre? Die Basis sei der gesunde Boden, darauf folge der gesunde Mensch. „Wir müssen heute schon drüber nachdenken, was die zukünftigen Fruchtfolgen und Kulturen sein werden“, sagte Michael Horsch. „Plant-Based Food Generation“ sei ein neuer Trend, für den man auch die Berufskollegen sensibilisieren sollte. Zusätzlich sollten die Landwirte den Ansatz der „Hybrid Landwirtschaft“ (Mischung aus konventionell und öko) nicht aus den Augen verlieren. Die rasante Zunahme von Biobetrieben, gerade großer Bio-Ackerbaubetriebe, werden das Angebot an Bioprodukten dramatisch erhöhen. „Vermutlich werden Preise für Bioerzeugnisse dadurch fallen und das wird vor allem die kleineren Betriebe treffen. Die Politik führt dazu, dass familiäre Öko-Betriebe kaputt gemacht werden“, erzählte Michael Horsch.

Zum Thema Digitalisierung erklärte er: „Wenn alle nach etwas schreien, dann ist der Hype meist schon gelaufen. Es kann nicht sein, dass Digitalisierung das alleinige Heilmittel entgegen guter fachlicher Praxis sein soll!“ Vor 25 Jahren seien die ersten Ertragskarten mit Mähdreschern erstellt worden. Durch sämtliche Farmmanagementtools seien die Erwartungen bei den Kunden gestiegen und die Taschen der Firmen gefüllt worden. Für das sogenannte „Precision Farming“ seien inzwischen so viele Tools am Markt, dass Horsch dort kein Potenzial für sich selbst mehr sieht. Neu ist „Prescription Farming“, also die Landwirtschaft nach Rezept. Dahinter verstecke sich, dass Landwirte am Ende nicht mehr gebraucht würden und keine gute fachliche Praxis mehr nötig sei. „Das kann nicht sein“, fand Michael Horsch. Was allerdings passieren kann, ist, dass Landwirte aufgrund von Auflagen und Restriktionen irgendwann nicht mehr wollen, sodass Prescription Farming zur Sicherung der Ernährung nötig werde.  

In regelmäßigen Betriebsauswertungen aus aller Welt habe Horsch überspitzt gesagt für sich herausgefunden, dass die Ackerbauern, die das meiste Geld verdienen, die kleinsten Computer besitzen. „Wenn der Betriebsleiter wegen der Digitalisierung nur im Büro sitzt, dann fehlen am Ende 500 € Reinertrag“, sagte Michael Horsch und ergänzte: „Die Landwirte mit den besten Reinerträgen sind draußen und entscheiden vor Ort. Sie verdienen ihr Geld auf dem Acker.“ Es sei unlogisch, diese Betriebsleiter ans Büro zu binden. In der Viehhaltung sieht es dagegen anders aus: Hier hilft die Digitalisierung dem Landwirt, seine Tiere einmal in Ruhe zu beobachten.

Aber warum brauchen wir die Digitalisierung? Einheitliche Schnittstellen bzw. eine Sprache (nicht nur unter den Herstellern, sondern auch zum Staat) sieht Michael Horsch als notwendig an. Die Verbraucher wollen eine 100%ige Rückverfolgbarkeit („der gläserne Landwirt“) der Lebensmittel. Denn: Wenn die Erträge in Europa immer weiter heruntergefahren werden, kommt ein immer größerer Teil der Lebensmittel irgendwann aus dem restlichen Ausland mit geringeren Auflagen. Eine 100%ige Transparenz könnte politischen Druck ausüben, um zu zeigen, wie hier im Vergleich produziert wird; dies könnte eine Hebelwirkung haben. „Landwirte sollen sich aktiv und positiv mit der Digitalisierung auseinandersetzen“, forderte Michael Horsch. Dazu gehöre auch die Automatisierung bestimmter Arbeitsprozesse. „Der Roboter ist irgendwann das i-Tüpfelchen der Automatisierung“, erklärte der Geschäftsführer und ergänzte: „Autonomes Fahren auf dem Acker wird leichter zu realisieren sein als im Straßenverkehr. Allerdings ist hier noch ein langwieriger politischer Weg notwendig, um rechtliche Klarheit und Sicherheit zu bekommen.“

Prozessoptimierung

In dieselbe Kerbe schlug Dr. Patrick Ole Noack, Professor für Agrarsystemtechnik an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf: „Digitalisierung ist kein Allheilmittel, kann aber Prozesse optimieren“, stellte er gleich am Anfang seines Referates klar. Es beschäftigte sich mit dem Thema „Digitalisierung - Viel Show - Was steckt dahinter?“ Der Professor hat damit viel Erfahrung. Nach einem Studium der Agrarwissenschaften an der TU München arbeitete er zwischen 1997 und 2013 für das Unternehmen geo-konzept in Adelschlag (Bayern), das für Kunden in Land- und Forstwirtschaft herstellerunabhängige und individuelle GPS-gestützte Lenksysteme sowie RTK-Korrekturdaten anbietet.

Precision Farming, Smart Farming, Digital Farming, Landwirtschaft 4.0 - Was bedeutet das eigentlich? „Alle Begriffe meinen mehr oder weniger dasselbe“, sagte Dr. Patrick Ole Noack. „Die Basistechnologien dahinter sind Sensoren, Telemetriesysteme, CAN-BUS und Werkzeuge für die Aufbereitung der Daten. Aber wie alle Werkzeuge eignen sie sich nicht für alle Zwecke, brauchen Pflege, Übung und Erfahrung bei der Anwendung - vor allem machen sie aber die Arbeit nicht allein.“ Beim Maschinenbau seien gewisse Grenzen erreicht. Die Außenmaße der Maschinen, die Achslast, der Bodendruck, die Verteilgenauigkeit von Saatgut, mineralischem Dünger und Stroh - mehr Effizienz durch mehr Wachstum sei kaum mehr möglich. „Aber auch der Mensch hat Grenzen“, so Dr. Patrick Ole Noack. „Technisch betrachtet hat er einen eigeschränkten Speicher, eine eingeschränkte parallele Verarbeitung, eine eingeschränkte Abtastrate und eine eingeschränkte Objektivität. Weitere Herausforderungen sind, dass ständig Ackerfläche verloren geht und Mitarbeiter in der Landwirtschaft fehlen. Durch den Strukturwandel werden die Betriebe größer, die Fremd-AK wissen aber oft weniger über die Flächen. Hier kann Precision Framing unterstützen, wenn auch nur durch Vorschläge.“

Als eine der größten Herausforderungen sieht der Professor die Belastung des Grundwassers durch Stickstoff an. Er fragte: „Wo kommen wir eigentlich her?“ Früher erfolgte die Ertragserfassung per Auge, die Hand des Landwirtes dosierte den Dünger. Prof. Dr. Hermann Auernhammer erkannte, dass diese Fähigkeit durch den Strukturwandel verloren geht. Die Idee war, dort, wo weniger wächst, auch weniger zu düngen. Im Gegensatz dazu steht jedoch die Meinung einiger Pflanzenernährer, dass an solchen Stellen eher mehr gedüngt werden soll…

Dr. Hermann Auernhammer ist nach Ansicht von Dr. Patrick Ole Noack einer der Pioniere des Precision Farming. Automatische Datenerfassung, Teilschlagtechnik, Flottenmanagement und Feldrobotik können so Betriebs,- Bestandes-, Maschinen- und Arbeitsmanagement verbessern. In der Landwirtschaft seien die verschiedenen Faktoren, z.B. Pflanze, Boden oder Wetter, so vielfältig, dass die Digitalisierung hier komplizierter sei als in anderen Bereichen. Es gebe aber nun schon über 10 Jahre Erfahrung. Während anfangs die Meinung vorherrschte, Precision Farming sei nur unnötige Geldverschwendung, änderte sich das schnell, wenn der Nutzen in den Vordergrund trat.

Dr. Patrick Ole Noack betrachtete nun verschiedene Teilbereiche des Precision Farming:

  • Automatische Lenksysteme: Vor etwa 20 Jahren kamen die ersten Parallelfahrsysteme, damals noch mit Leuchtbalken, dann automatische Lenksysteme. Die nachrüstbaren Lösungen funktionierten noch mit einem Reibrad am OriginalLenkrad. Schnell wurde klar, dass sie durch die Effizienzsteigerung wirtschaftlich interessant sind.
  • ISOBUS: Ist die Grundlage vieler Precision FarmingFunktionen. In der Norm DIN ISO 11783 wird z.B. geregelt, wie die Terminals gemeinsam genutzt werden.
  • TIM: Bedeutet Tractor Implement Management. Am Arbeitsgerät erfassen fortlaufend Sensoren verschiedene Parameter, über ISOBUS werden Befehle an den Traktor weitergegeben. Das Anbaugerät steuert quasi den Traktor. Ist eigentlich serienreif, Haftungsprobleme verhindern derzeit noch die Markteinführung.

„Während früher die Investitionen fünfstellige DM-Beträge kosteten, sind heute Terminal und ISOBUS im normalen Lieferumfang des Traktors enthalten“, führte Dr. Patrick Ole Noack aus.

Precision Farming könne ein Mittel zur Steigerung der Effizienz sein, nicht nur bei der Düngung, auch beim Pflanzenschutz per Unkrauterkennung. Eine Stufe weiter wäre dann das Ausbringen per Applikationskarten mit vorheriger Online-Prüfung und Freigabe durch die zuständige Behörde. Dann müssten allerdings die Gesetze maschinenlesbar gemacht werden. Das Problem dabei: Hier ist vieles nicht logisch darstellbar.

„Digitale Möglichkeiten werden in der Landwirtschaft mit verschiedener Intensität genutzt“, ist die Erfahrung von Dr. Patrick Ole Noack. „Teilbreitenschaltung, automatische Lenksysteme und Farm Management Software sind schon sehr weit verbreitet. Aber bereits bei der teilflächenspezifischen Düngung und der Ertragskartierung wird es dann sehr dünn. Die Erstellung von Applikationskarten ist für die Praxis immer noch eine Herausforderung.“

„Ist nun Digitalisierung sinnvoll?“, so die Ausgangsfrage - „Ja und Nein“, sagte dazu Dr. Patrick Ole Noack. „Digitalisierung ist kein Allheilmittel, sondern ein umfangreicher Werkzeugkasten. Die einzelnen Werkzeuge passen aber nicht für jeden Betrieb, jede Kultur oder jeden Mitarbeiter. Mit dem richtigen Mix können Effizienz und Gewinn gesteigert werden. Ein falscher Mix dagegen steigert Kosten und Arbeitsbelastung. Wenn aber eines der digitalen Werkzeuge den Landwirt entlastet, Kosten spart oder den Ertrag steigert, dann kann dessen Einsatz sinnvoll sein.“

Der Boden ist der Schlüssel

Max Stürzer, Landwirt auf Gut Schwaige, führt in Starnberg, Bayern, gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern einen 350-ha-Ackerbaubetrieb. Seine größte Herausforderung ist der hohe Schluff-Anteil seiner Böden gepaart mit hohen Jahresniederschlägen bis 1000 mm/m2. Deshalb reagieren sie sehr empfindlich auf das Befahren. Andererseits hat er aber auch wieder auf Teilen seiner Schläge fast reinen Kies im Untergrund. Durch diese stark wechselnden Verhältnisse übte die teilflächenspezifische Bewirtschaftung schon früh eine Faszination auf den Praktiker aus. Seine erste Ertragskarte ließ er bereits im Jahr 1998 anfertigen. Doch der ersten Freude folgte schnell Ernüchterung. Denn je nach Niederschlag variierten die Erträge von Jahr zu Jahr. „Trotzdem sind Ertragskarten nach wie vor für mich ein wichtiges Instrument, um pflanzenbauliche Entscheidungen im Rückblick zu bewerten“, sagte Max Stürzer. „Ich kann meinen Blick so besser eichen, sehen, ob ich es richtig oder falsch mache, und merken, wie ich mit meinen Einschätzungen liege. Darüber denke ich oft nach - auch beim Traktorfahren. So kann ich mich als Ackerbauer weiterentwickeln.“ Und die Ertragskarten brachten ihm eine wichtige Erkenntnis: Der Boden ist der Schlüssel zu allem. Deshalb wurde im nächsten Schritt der Boden per Messung der Leitfähigkeit untersucht. Damit war eine genaue Analyse über den gesamten Schlag hinweg möglich. Die Aussagekraft der üblichen Mischprobe ist seiner Ansicht nach sehr überschaubar. Aufgrund dieser Ergebnisse fertigte er Saatkarten an. Er wollte auf den ertragsschwachen Feldzonen nicht einfach grundsätzlich den Aufwand reduzieren, sondern nach dem Grund suchen. Erst dann sei es seiner Ansicht nach akzeptabel, gegebenenfalls den Input zu reduzieren. Dafür setzt der Landwirt gezielte Bodenproben aus einzelnen Zonen ein.

Generell ist Max Stürzer ein Fan der Dünnsaat. Mit Hilfe der Saatkarten konnte er die Saatmenge an die Bodenverhältnisse anpassen. Dabei arbeitete er der Einfachheit halber mit Faktoren. Zusätzlich nutzte er diese Informationen auch für die erste Düngung.

Aber das war es dann auch erst einmal für einige Zeit. Zumal das Thema von wissenschaftlicher Seite aus kaum begleitet wurde. „So habe ich die Erträge zwar kartiert, aber das Verfahren nicht konsequent umgesetzt“, berichtete der Landwirt. „Neue Türen öffnete erst die Einführung von GPS. Da meine Frau Amerikanerin ist, habe ich Kontakte dorthin und kam schon recht früh mit dem Thema „Automatisches Lenken“ in Kontakt. Anfangs war es mir zu teuer, seit dem Jahr 2008 setze ich es selbst ein. Die Genauigkeit von plus/minus 20 cm war anfangs akzeptabel, aber wenn man eine solche Technik einsetzt, steigen auch die eigenen Ansprüche. Im Jahr 2010 habe ich mir daher eine eigene RTK-Station angeschafft und arbeite mit SectionControl. Konsequent wird bei mir die Spurplanung gehandhabt. Die Problemmaschine ist dabei durch das hohe Gewicht der Mähdrescher. Bei feuchten Bedingungen sind die Verdichtungen im Unterboden dann immer an der gleichen Stelle. Allerdings zwinge ich nicht jede Maschine in ein einheitliches Spursystem. Ich bezeichne das daher als CTF ‚light‘. Ein großer Vorteil ist die feste Spurplanung. Ich kann morgens in den trockenen Spuren fahren, wenn es über den Tag abgetrocknet ist, an den feuchteren Stellen.“ Mit A-B-Linien zu arbeiten, hat sich bei Landwirt Stürzer als problematisch herausgestellt. Allein die richtige Benennung bringt schon genug Schwierigkeiten. Bei den festen Fahrspuren dagegen bleiben die Feldgrenzen immer exakt gleich, sie ‚wandern‘ nicht. Vorteile bringe das zum Beispiel bei der Quecke, die gerne von unsauberen Feldrändern einwandert.

„Früher habe ich immer bis an die letzte Baumwurzel hin gepflügt“, sagte Max Stürzer. „Abgesehen davon, dass ich heute überhaupt nicht mehr pflüge, habe ich über die Ertragskartierung gemerkt, dass dort der Aufwand an Dünger und Pflanzenschutz der Gleiche ist, die Erträge aber sehr gering sind. Meine Konsequenz daraus war, die Schläge so zu gestalten, dass ich möglichst wirtschaftlich darauf fahren kann. Spitzen und schlecht zu befahrende Randstücke habe ich stillgelegt.“

Max Stürzer gehört zu den Pionieren des Precision Farming. Aber ein solides Handwerkszeug und ackerbauliche Erfahrung sind seiner Ansicht nach der Schlüssel zum Erfolg. „Meine Entscheidungen kann mir nicht der Computer abnehmen“, sagte der Praktiker. „Und um die Historie meiner Schläge zu kennen, brauche ich in der Regel keine Ackerschlagdatei. Unsere wichtigste Grundlage ist der Boden. Und mit der Nase in der Erde merkt man schon beim Riechen, ob es passt oder nicht.“ Sein Fazit nach 20 Jahren Precision Farming in der Praxis: „Neue Besen kehren gut - alte kennen die Ecken.“

Praxis oft ernüchternd

Karl-Heinz Mann ist Berater bei der LBB, der Ländlichen Betriebsgründungs- und Beratungsgesellschaft in Göttingen. Er führt für seine Kunden umfangreiche Betriebsvergleiche durch und kann daher auf eigenes Datenmaterial zurückgreifen „Was bringt Digitalisierung dem Ackerbaubetrieb aus Sicht der Beratung?“, lautetet seine Frage. Zunächst einmal seien die allgemeinen Ziele in der Landwirtschaft folgende: die Verbesserung der Naturalerträge, die Einsparung von Betriebsmitteln, die Einsparung von Kosten der Arbeitserledigung (Löhne, eigene AK, Maschinenkosten, AfA, Verzinsung, Kraftstoff, Reparaturen…) sowie eine geringere Belastung der Umwelt, wie sie z.B. beim Pflanzenschutz durch Verminderung der Abdrift und des Gewässereintrags oder durch eine allgemeine Reduzierung der Aufwandmenge erreicht werden könne.

„In der Praxis gibt es keinerlei Zusammenhang zwischen Betriebsergebnis und der Affinität des Betriebsleiters zur Digitalisierung“, sagte der Berater. „Wobei dies nicht gegen die Digitalisierung im Allgemeinen spricht - es gibt nur andere Erfolgsfaktoren. Und oft gibt es schlichtweg andere Baustellen im Betrieb.“

Was die Ausstattung und die Umsetzung in der Praxis angeht, hat Karl-Heinz Mann ähnliche Erfahrungen wie Dr. Patrick Ole Noack: GPS sei auf sehr vielen Traktoren und Mähdreschern vorhanden, 95 % seiner Kunden setzen es ein, 40 % haben sogar eine eigene RTK-Station. Weit verbreitet (knapp 70%) seien Nährstoffkarten. Meist werden sie auf Grundlage eines 3-ha-Probennahmerasters angefertigt. Genutzt werden sie bei der Düngung jedoch nur von etwa 45 % der Betriebe. Die Grunddüngung erfolgt eigentlich nie nach Entzugskarten. Die organische Düngung erfolgt nur zu unter 10 % teilflächenspezifisch.

Ein anderes Bild zeige der Pflanzenschutz, so Karl-Heinz Mann. SectionControl haben alle seine Kunden, Vorgewendemanagement sowie Einzeldüsen- bzw. Gruppenschaltung werden zu annähernd 90 % eingesetzt. Die teilflächenspezifische Ausbringung von Halmstabilisatoren und Fungiziden findet allerdings kaum statt, die von Herbiziden gar nicht.

Die Erwartungen an die Digitalisierung seien vor allem bei den Betrieben sehr hoch, die bereits mit der Technologie arbeiten. Besonders gelte das für die Aussaat. In der Praxis sei ein Nutzen im Wert von 50 bis 60 € pro Hektar realistisch, schätzt der Berater. Die Betriebe, die noch nicht digitalisiert sind, schätzen den Nutzen jedoch weitaus geringer ein.

„Es läuft aber immer noch nicht alles rund“, berichtete Karl-Heinz Mann von seinen Umfragen. „Die Landwirte klagen vor allem über Schnittstellenprobleme, aber auch über hohe Kosten für Technik und Software, fehlende Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse und einen hohen Zeitaufwand.“

„Die digitale Technik kann uns in vielerlei Hinsicht helfen“, ist Karl-Heinz Mann überzeugt. „Feste Fahrspuren und CTF zur Schonung des Bodens bringen vor allem bei der Düngung und beim Pflanzenschutz Nutzen. Bei der Bodenbearbeitung ist die Umsetzung in der Praxis teilweise schwierig. Vorgewendemanagement und SectionControl sind fast immer sinnvoll und werden von den Landwirten ja bereits in großem Stil eingesetzt. Eine teilflächenspezifische Aussaat ist vor allem auf großen, inhomogenen Schlägen sinnvoll (siehe Vortrag Stürzer), eine teilflächenspezifische Bodenbearbeitung dagegen in den meisten Fällen weniger.“

Der Experte empfahl eine Grunddüngung, bei der die Menge nach dem Probenergebnis unter Berücksichtigung der Bodenart berechnet wird. Bei gleichen Düngekosten könnten schwach versorgte Bereiche auf Kosten gut versorgter Bereiche im Schlag aufgedüngt werden. Nach 12 Jahren Ertragsstabilisierung und -steigerung sei eine Nachkontrolle nötig. Wenn es richtig sei, auf Grundlage der Bodenversorgung die Grunddüngung anzupassen, müsse es auf großen Schlägen teilflächenspezifisch geschehen. „Die teilflächenspezifische Düngung ist zwar verbreitet, aber der Erfolg lässt sich kaum messen“, sagt Karl-Heinz Mann. „Ein Versuchswesen fehlt aber bis heute. Es werden pro ha rund 10 bis 30 kg N eingespart. Ein positiver Nebeneffekt: Lagergetreide kann verhindert werden. Der N-Sensor läuft in der Praxis gut und ist auf großen inhomogenen Schlägen sinnvoll. Bei organischen Düngern ist eine teilflächenspezifische Ausbringung sehr schwierig, da die Substrate sehr inhomogen sind. Der Einsatz von NIRS-Technik kann hier interessant sein.“

Die weitere Verwendung digitaler Hilfsmittel, sah der Berater differenziert. Er sagte: „Die automatische Erkennung von Unkräutern und Gräsern ist Zukunftsmusik, birgt aber vermutlich ein hohes Potential. Bei Fungiziden ist die Mengenanpassung wegen möglicher Resistenzen schwierig. Digitale Möglichkeiten zur Steuerung von Maschinen stehen in einem positiven Verhältnis von Kosten und Nutzen. Sie rechnen sich also meistens, die Optimierung funktioniert in der Regel gut. Flottenmanagement ist dagegen nur bei sehr großen Betrieben oder bei Lohnunternehmen sinnvoll. In der Organisation und im Büro liegt aber sehr viel arbeitswirtschaftliches Potenzial. Die Kosten für Buchhaltung, Führung der Schlagkartei, das Antragswesen, die Lagerverwaltung und die Datensicherung sind im Verhältnis sehr hoch. Der Anteil an den Produktionskosten beträgt durchschnittlich 22 Prozent! Hier gibt es einen Ansatz für echte Problemlösungen ohne Spielerei.“

Karl-Heinz Mann ist überzeugt davon, dass trotz großer Versprechungen der Anbieter und der Politik über die Möglichkeiten der Digitalisierung die Praxis oft ernüchternd ist. Zu hoch seien Kosten und Zeitaufwand. „Allerdings können diese Systeme helfen, Prozesse zu optimieren. Sie ersetzen aber niemals eine kompetente Mitarbeiterführung und effektive Organisation durch den Betriebsleiter. Das Sammeln von umfangreichen Daten ohne sinnvolle Verwendung kann genauso gut auch unterlassen werden. Digitale Instrumente sollen immer nur eine Hilfe sein und nicht den Betriebs- bzw. Produktionsleiter belasten und unnötig im Büro binden. Erfolg hat deshalb nur der, der die digitalen Möglichkeiten überlegt und sinnvoll nutzt. Erfolgreiche Betriebsleiter gehören im Ackerbau weniger ins Büro, sondern überwiegend auf den Acker“, sagte Karl-Heinz Mann abschließend.

Gesellschaftsabend

Am Vortag des HORSCH Seminars fand im FITZentrum auf dem Sitzenhof ein Gesellschaftsabend statt. Die Verpflegung war rustikal: Hausmannskost und Weißbier. Ein Kontrast war da der Vortrag des Motivationstrainers Marc Gassert mit dem Titel „Nicht das Anfangen wird belohnt, sondern das Durchhalten“. Er berichtete über seine Zeit in einem Shaolin-Kloster in China. Der Tag begann dort mit einem 21-km-Lauf als Frühsport um 1.30 Uhr, insgesamt wurde 17 h am Tag trainiert. Laut Marc Gassert gibt es zwei Arten von Disziplin: von innen gesteuerte und von außen gesteuerte. „Um etwas Großes entstehen zu lassen, braucht es Disziplin von innen“, sagte der Trainer. Der Mensch habe außerdem drei Antriebskräfte: den biologischen Antrieb, Werte und Willenskraft. Geld sei nicht unbedingt ein Motivator. Dies verdeutlichte Marc Gassert anhand einer Demonstration. Eine Person aus dem Publikum bekam 25 € dafür versprochen, längere Zeit breitbeinig in der Hocke zu sitzen. Tatsächlich bestätigte der Mann, dass er während der Übung nicht an das Geld gedacht hatte, sondern seine Motivation war, es schaffen zu wollen. Der Trainer riet den Zuhörern, Entscheidungen immer so schnell wie möglich zu treffen, denn: „Je mehr Entscheidungen der Mensch treffen muss, desto eher ist seine Energie aufgebraucht.“ Ein positiver Ausgleich sei wichtig, um Stress zu vermeiden. Oft helfe es auch, einfach mit dem Jammern aufzuhören. Und vor allem: Der Mensch brauche eine Arbeit, bei der er sich konzentrieren müsse und die erfüllend sei.