Wenn Chemie allein nicht mehr reicht: Wie Betriebe Ackerfuchsschwanz und Weidelgras in den Griff bekommen wollen
Gerrit Hogrefe (N.U. Agrar) startete seinen Vortrag beim diesjährigen HORSCH Seminar mit einer Botschaft, die in vielen Betrieben längst Alltag ist: Ackerfuchsschwanz und Weidelgras lassen sich nicht mehr „mit nur einem Hebel“ kontrollieren. Resistenzentwicklung, Wirkstoffwegfall und enge Anwendungsfenster zwingen dazu, integrierte Maßnahmen konsequent zu denken – aber ebenso ehrlich zu bewerten.

In seinen Augen erscheint die Fruchtfolge als größter Hebel, insbesondere die Integration von Sommerungen: Im Mittel wird ein Reduktionspotenzial um 88 % genannt. Eine Saatterminverschiebung in Richtung späterer Aussaat bringt in der Zusammenfassung etwa 50 %. „Softere“ Faktoren, wie konkurrenzstarke Sorten (planophile, breitblättrige Typen), werden in den Studien mit etwa 22 % angegeben, eine höhere Bestandesdichte nur mit einem kleineren Zusatznutzen (ca. 5 %). Und genau hier setzt Hogrefe den Realitätscheck an: Wenn das in der Theorie so gut funktioniert, warum haben dann so viele Betriebe trotz „richtiger“ Maßnahmen weiterhin massive Ackerfuchsschwanz- und Weidelgrasprobleme?
Um diese Lücke zwischen Wissenschaft und Feldpraxis zu erklären, analysiert Hogrefe die Details der Datensätze. Besonders anschaulich wird das beim Baustein „Spätsaat“. In den zusammengefassten Versuchen sinken Ackerfuchsschwanz-Pflanzenzahlen deutlich, wenn die Aussaat vom sehr frühen Termin (z. B. Mitte September) in Richtung Oktober/Anfang November verschoben wird. Ein Großteil des Effekts ist laut der gezeigten Kurven bereits um die Monatswende Oktober/November gegeben; maximale Reduktionen liegen bei diesen Daten im Bereich bis etwa 80 %. Das deckt sich mit dem Grundprinzip: Keimwellen werden vor der Saat „abgearbeitet“, der Bestand startet später in eine Phase mit weniger Ungrasauflauf. Doch Hogrefe zeigt auch die zweite Ebene, die in der Praxis oft übersehen wird: Nicht nur Pflanzenzahlen zählen, sondern auch die spätere Samenproduktion. In den Daten sinken die Pflanzenzahlen mit später Saat zwar, die Ähren- bzw. Scheinährenzahlen des Ackerfuchsschwanzes können bei sehr später Saat aber wieder ansteigen. Der Grund ist agronomisch plausibel: Zu späte Saattermine erhöhen das Risiko schwacher, lückiger Bestände (nasses Saatbett, ungleichmäßiger Feldaufgang, geringere Bestockung). Fehlt die Konkurrenzkraft der Kultur, kompensiert der Ackerfuchsschwanz dies über mehr Ähren pro Pflanze – und die Samenbank wird trotz geringerer Pflanzenzahl erneut gefüttert. Damit wird Spätsaat zu einem zweischneidigen Schwert: Sie kann stark wirken, ist aber nicht beliebig nach hinten verschiebbar, ohne Ertrag und Bestandesstabilität zu gefährden.
Rolle der Bodenbearbeitung
Beim Baustein Bodenbearbeitung zeigt Hogrefe ein ähnliches Bild: Der Pflug wirkt im Mittel stark, doch die Einzelversuche streuen. Es gibt Konstellationen, in denen Mulchsaat oder sogar Direktsaat besser abschneiden als Pflügen. Das ist kein Widerspruch zur Grundlogik „Pflug vergräbt Samen“, sondern ein Hinweis auf die entscheidende Rolle der Samenbankverteilung und der Bewirtschaftungshistorie. Wenn über Jahre keimfähige Samen in die gesamte Krume eingemischt wurden, kann eine erneute Bearbeitung diese Samen wieder in keimfähige Horizonte bringen oder Keimimpulse auslösen. Dann verliert der Pflug seinen Reset-Charakter oder kann sogar kurzfristig ungünstig wirken. Die praktische Schlussfolgerung lautet daher: Welche Samenbank liegt vor, wie ist sie verteilt und welche Bearbeitung bringt sie in keimfähige Zonen?

Einen wichtigen Korrekturpunkt setzt Hogrefe bei Sortenwahl und Saatstärke. Diese Faktoren werden in der Praxis gerne „sanfte“ Stellschrauben genannt, die man ohne große Systemänderung umsetzen kann. Die Daten zeigen jedoch: Sie reduzieren in der Regel nicht die Zahl der auflaufenden Ackerfuchsschwanz-Pflanzen, sondern wirken vor allem über Konkurrenz auf die Ährenbildung und damit auf die Samenproduktion. In den gezeigten Auswertungen wird der Sorteneffekt in der Zusammenfassung mit etwa 22 % angegeben; in Einzeldaten können Differenzen zwischen „besten“ und „schwächsten“ Sorten auch deutlich darüber liegen. Ähnlich bei der Bestandesdichte: Höhere Saatstärken können die Ackerfuchsschwanz-Ährenzahl spürbar senken, aber auch hier gilt: Es geht um Verdrängung, nicht um „kein Auflauf“. Gleichzeitig entstehen Zielkonflikte, etwa Wasser- und Nährstoffkonkurrenz, Lagerneigung und Kosten. Damit sind Sorte und Saatstärke sinnvolle Bausteine, aber kein Ersatz für Frühkontrolle, wirksame Bodenstrategien oder kultur- und standortangepasste Fruchtfolgen.
Aus dieser Analyse leitet Hogrefe sein „Präsentations-Praxis-Paradoxon“ ab. Wirkstoffe fallen weg, integrierte Maßnahmen sind notwendig. Auf dem Feld greifen jedoch Restriktionen: Vermarktung, Arbeitswirtschaft, Witterungsfenster, Standortgrenzen, Erosionsschutz, Wasserschutzauflagen, verfügbare Kulturen, Technik und nicht zuletzt betriebliche Risikobereitschaft. Der Kern bleibt: Der Werkzeugkasten ist betriebsspezifisch und oft bleibt nur ein Teil der theoretisch „großen“ Hebel übrig.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die „Gegneranalyse“. Hogrefe unterscheidet Ungräser nach Keimfenster und Samenbankpotenzial. Windhalm und Trespe sind in vielen Regionen überwiegend Herbstkeimer mit geringerer Samenbankproblematik und oft gut über Fruchtfolge und ggf. Pflug zu beherrschen. Beim Ackerfuchsschwanz ist das schwieriger, weil Keimruhe und Samenbank eine langfristige Dynamik erzeugen. Zudem gibt es einen Anteil an Frühjahrskeimung, sodass Fruchtfolge allein selten 100 % Kontrolle liefert. Weidelgras ist aus seiner Sicht „noch schlimmer“, weil es bei Feuchte und Wärme sehr flexibel keimt – praktisch über weite Teile des Jahres. Diese Eigenschaften erklären, warum integrierte Maßnahmen bei Ackerfuchsschwanz und Weidelgras besonders konsequent kombiniert werden müssen und warum Einmalmaßnahmen selten reichen.
Strategien zur Flächensanierung
Im zweiten Teil des Vortrags wird es praxisorientiert: Hogrefe zeigte Beispiele von stark betroffenen Betrieben, die Flächen systematisch saniert haben. Der Einstiegspunkt ist dabei immer wieder die Resistenzuntersuchung. Sie soll verhindern, dass Betriebe eine Fruchtfolgeänderung in der Hoffnung auf „neue Chemie“ vornehmen, die dann wegen Kreuz- oder metabolischer Resistenz doch nicht greift. In einem Beispiel sind Sulfonylharnstoffe im Getreide praktisch unbrauchbar, während andere Gruppen noch Wirkung zeigen. Gleichzeitig wird deutlich, dass in der Rübe bestimmte Gräsermittel (z. B. DIM) keine ausreichende Wirkung mehr liefern. Die Konsequenz ist nicht „Eine Kultur rettet alles“, sondern: Erst den Status kennen, dann den Plan bauen. Hogrefe formuliert dazu eine einprägsame Leitlinie: Fruchtfolge ist nicht nur Kulturwechsel, sondern ein Türöffner für Pflanzenschutzoptionen. Wer bestimmte Wirkmechanismen nutzen will, braucht die passende Kultur – und wer Kulturen sinnvoll kombiniert, kann Selektionsdruck verteilen.
Ein besonders hervorgehobenes Beispiel ist eine Strategie, bei der Rübenflächen gezielt als Sanierungsfenster genutzt werden. Der Betrieb bündelt Rüben in einer Gemarkung, integriert etwa 25 % Sommerung in eine viergliedrige Rotation und bleibt aus Erosions- bzw. Wasserschutzgründen pfluglos. Der „Game-Changer“ ist in diesem Fall ein Systemansatz in der Rübe, bei dem zwei Wirkmechanismen kombiniert werden. Hogrefe beschreibt das bildhaft als „zwei harte Schläge gleichzeitig“, die das Entgiftungssystem der Ungräser überfordern können – insbesondere relevant bei metabolischen Resistenzkomponenten. Der praktische Nutzen liegt weniger in einem einzelnen Mittel, sondern in der Möglichkeit, in einer Kultur eine sehr wirksame Kombination zu fahren, die in Getreide so nicht verfügbar ist, und damit die Samenproduktion auf Problemflächen drastisch zu senken. Ergänzt wird das im System durch späte Saat im Winterweizen, starke Herbstbodenherbizide, gezielte Blattmaßnahmen im passenden Zeitfenster und – je nach Standort – weitere Kulturen wie Mais, in denen wiederum andere Wirkmechanismen genutzt werden können.
Noch konsequenter wird die Sanierung in einem Fall beschrieben, den Hogrefe als echten Sanierungsstandort einordnet: Höhenlage, massiver Ackerfuchsschwanz-Besatz, FOPs und ALS-Hemmer faktisch wirkungslos. Dort wird nicht mehr „optimiert“, sondern umgebaut: mindestens Doppelsommerung, anschließend Blattfrucht, womöglich Glyphosat in passenden Fenstern, in Sommerungen eine Kombination aus Boden- und Blattstrategien und im Wintergetreide ein Schwerpunkt auf frühzeitige, robuste Bodenherbizidprogramme. Der Winterweizen wird nur dann wieder integriert, wenn der Besatz ausreichend gedrückt ist; ansonsten wird das Getreidefenster erneut geschlossen. Hogrefe macht damit deutlich, dass Sanierung mehrjährig gedacht werden muss. Der Erfolg hängt weniger von „dem einen Jahr“ ab als davon, ob die Samenproduktion über mehrere Jahre konsequent verhindert wird. Andernfalls baut sich die Samenbank wieder auf und der Betrieb steht erneut am Anfang.
Praxisleitfaden „Ackerfuchsschwanz/Weidelgras managen – vom Problem zur Kontrolle“
- Diagnose vor Aktion
- Befallsdruck nicht nur als Pflanzenzahl, sondern als Ähren-/Samenproduktion bewerten.
- Resistenztest auf Problemflächen/Hotspots durchführen.
- Schlaghistorie prüfen: Saattermine, Bearbeitung, Wirkstoffgruppen, Samenbankverdacht
- Integrierte Hebel priorisieren (betriebsspezifisch)
- Sommerungen einbauen (bei Sanierung ggf. Doppelsommerung)
- Saattermin flexibel nach Risiko; Spätsaat nur dort, wo Bestände dennoch konkurrenzstark werden
- Konkurrenz erhöhen: Sorte + Saatstärke + gleichmäßiger Feldaufgang
- Standortgerechte Bodenbearbeitung: Pflug nur, wenn er die Samenbank tatsächlich „entschärft“
- Chemie als Systembaustein (resistenzbewusst)
- Wirkmechanismen rotieren und kombinieren – kultur- und resistenzangepasst
- Bodenherbizide früh und mit hoher Applikationsqualität einsetzen
- Blattbehandlungen strikt im passenden Zeitfenster (Temperatur/Metabolisierung planen)
- Applikation: Wirkung nicht verschenken
- Einfüllreihenfolge beachten: Sulfonylharnstoff erst lösen, dann Wasser konditionieren
- pH-Effekte verstehen: niedrigerer pH-Wert kann Aufnahme fördern (produktspezifisch prüfen)
- AHL dort einsetzen, wo Feuchthalten die Blattaufnahme stabilisiert (v.a. Frühjahr)
Applikations- und Wasserqualität
Parallel dazu legt Hogrefe großen Wert auf Applikations- und Wasserualitätsfragen, da in der Praxis Wirkverluste nicht nur durch Resistenz entstehen, sondern auch durch vermeidbare Anwendungsfehler. Ein zentraler Hinweis betrifft die Einfüllreihenfolge bei Sulfonylharnstoffen: pH-Absenker oder Wasseraufbereiter sollen nicht vor dem Sulfonylharnstoff ins Wasser gegeben werden, da es sonst zu schlechter Lösung, Ausflockungen und Rückständen kommen kann. Erst das Produkt vollständig lösen lassen, dann konditionieren. Darüber hinaus diskutiert er den Einfluss des pH-Werts auf die Aufnahme: Sulfonylharnstoffe sind schwache Säuren. Ihre Aufnahme über das Blatt hängt davon ab, ob sie in einer Form vorliegen, die die Wachsschicht passieren kann. Mit steigendem pH-Wert nimmt die Wasserlöslichkeit zu, was die Diffusion durch die Wachsschicht erschweren kann. Außerdem spielt der Ladungszustand eine Rolle: Bei pH-Werten im Bereich des pKS/pKa-Werts liegt ein relevanter Anteil des Wirkstoffs ionisiert (negativ geladen) vor. Negativ geladene Moleküle passieren die ebenfalls überwiegend negativ geladene Pflanzenoberfläche schlechter. Ein niedrigerer pH-Wert erhöht den Anteil ungeladener Moleküle und kann die Aufnahme verbessern. Als Zielbereich für bestimmte Anwendungen wird im Vortrag ein Bereich um pH 5 genannt, wobei Hogrefe betont, dass Formulierung und Produkt unterschiedlich reagieren und man die Mischung in der Praxis prüfen muss.
Als weiteren, sehr praxisnahen Punkt hebt er die AHL-Zugabe (Ammoniumnitrat-Harnstoff-Lösung) bei bestimmten Blattbehandlungen hervor. Der Nutzen wird nicht als „Düngung“, sondern als physikalischer Effekt erklärt: AHL senkt den Deliqueszenzpunkt der Spritzbeläge stark, hält sie länger feucht und ermöglicht dadurch über längere Zeit eine Wirkstoffaufnahme. Denn aufgenommen werden kann nur, was gelöst bleibt. Trocknet der Belag zu schnell ab, bleibt der Wirkstoff als Rückstand auf dem Blatt, ohne in die Pflanze transportiert zu werden. Hogrefe beziffert den Unterschied exemplarisch: Mischungen ohne AHL benötigen eine hohe Luftfeuchte, um lange feucht zu bleiben, während AHL-haltige Mischungen bereits bei deutlich geringerer Luftfeuchtigkeit feucht bleiben können.
Zum Abschluss richtet Hogrefe den Blick nach vorn auf neue Bodenwirkstoffe, die perspektivisch Flufenacet ersetzen oder ergänzen könnten, insbesondere Cinmethylin und Bixlozone. Terminlich wird eher mit 2027 als sicherem Horizont gerechnet. Bixlozone ist seit April 2026 im Pflanzenschutzmittel Isoflex zugelassen. Gleichzeitig warnt er vor falschen Erwartungen: Neue Wirkstoffe sind kein Reset-Knopf. Sie bringen neue Anforderungen an Saatbettqualität, Ebenheit, organische Substanz an der Oberfläche, Ablagequalität und Sortenreaktionen. Gerade Cinmethylin könnte eine tiefere Ablage erfordern, wodurch Wechselwirkungen zwischen Saattechnik, Sortenwahl und Bestockungsverhalten wichtiger werden. Die praktische Konsequenz lautet: Wer künftig mit neuen Bodenwirkstoffen stabil arbeiten will, muss die ackerbauliche Präzision erhöhen – nicht nur „ein anderes Produkt“ kaufen.