Lein: attraktiv, aber empfindlich
„Lein ist in erster Linie ein Produkt für die Textilindustrie: für Bekleidung und Innenausstattung“, erklärt Marc Vandecaendelaere, Vorsitzender der Leinkooperative Nord Caen in Frankreich. Seit der Schließung der örtlichen Zuckerfabrik im Jahr 2020 ersetzen Lein und Hanf die Zuckerrüben in der Fruchtfolge. Die Anbaufläche ist stark gestiegen.

Die Branche profitiert dabei von einem regionalen Vorteil: Fast 70 % des weltweiten Leinanbaus erfolgen im Gebiet des Ärmelkanals zwischen der Bretagne und den Niederlanden. Dieses Quasi-Monopol kommt von der Qualität der Böden und dem besonderen Klima, die für die Röste der Fasern unerlässlich sind. Dabei zerstören Bakterien den Kleber, der die Fasern am Stroh festhält. Die seit 2020 stark steigende weltweite Nachfrage festigt diese Position. „Lein ist attraktiv, weil er natürlich und umweltfreundlich ist“, sagt Marc Vandecaendelaere, Vorsitzender der Coopérative Linière du Nord de Caen. „Aber er spielt nach wie vor nur eine marginale Rolle: Weltweit stammen nur 0,4 % der Fasern vom Lein.“

Die Branche funktioniert komplett ohne Quoten. Die Preise richten sich ausschließlich nach Angebot und Nachfrage. „Während Corona haben die Spinnereien drei Monate lang nichts eingekauft. Und wir konnten so nichts verkaufen“, erklärt der Vorsitzende. Seitdem sind die Preise gestiegen, bleiben aber von wirtschaftlichen Unwägbarkeiten abhängig. Das sind: Schwankungen des Dollarkurses, Zölle oder Konjunkturabschwächungen in China bzw. Indien, den wichtigsten Exportmärkten. Der Endverbrauch verteilt sich weltweit, wobei die USA 20 bis 25 % des Marktes ausmachen.“
Die Rentabilität ist unterschiedlich. „In sehr guten Jahren kann man einen Umsatz von 7.000 bis 8.000 €/ha erzielen, aber die Kosten liegen bei 2.500 bis 3.000 €“, dämpft Marc Vandecaendelaere die Erwartungen. Lein wächst zwar innerhalb von hundert Tagen, ist aber extrem empfindlich gegenüber klimatischen Schwankungen, Krankheiten und insgesamt ackerbaulich anspruchsvoll.
Techniklastige Anbaumethode
Die Vorgabe, Lein anzubauen, kam von José Vanfleteren, Inhaber eines 350-ha-Betriebes im Departement Eure. Sein ackerbaulicher Leiter, Florian Mocquereau, hat sich dieser Herausforderung gestellt. „Das ist für uns nichts Neues, denn wir bauen diese Kulturpflanze bereits in der dritten Generation auf dem Betrieb in der Normandie an.“ Lein wird hier in der Regel nach Weizen gesät, an der Spitze der Fruchtfolge. Allerdings sollte er nicht zu häufig auf derselben Parzelle angebaut werden: Ideal ist ein Siebenjahreszyklus. „Je schneller man wieder Lein anbaut, desto größer ist das Risiko von Krankheiten und Schädlingsbefall“, betont er. Weite Fruchtfolgen sind das beste Mittel, um Qualität und Ertrag zu erhalten und gleichzeitig den Schädlingsdruck zu begrenzen. „Auf 15 % der Flächen des Betriebs Lein anzubauen, ist das richtige Verhältnis. Einige Landwirte haben sich entschieden, Lein auf 30 % ihrer Flächen anzubauen, aber das verkürzt die Fruchtfolge und wirkt sich negativ auf die Produktion aus. Das ist schade!“

Die Vorbereitung des Bodens spielt eine zentrale Rolle. Nach der Ernte wird das Stroh abgefahren und Mist ausgebracht. Anschließend werden die Stoppeln fein zerkleinert. Mehrere Überfahrten mit einem Scheibengrubber auf 5-10 cm Tiefe in diagonaler Richtung ermöglichen es, Unebenheiten auszugleichen, Rückstände einzuarbeiten und den Aufwuchs zu kontrollieren. Die Grunddüngung mit Phosphor und Kalium erfolgt im August, bevor ein zweiter Durchgang mit dem Scheibengrubber durchgeführt wird, um Weidelgras und den Getreidenachwuchs zu entfernen. Am Ende des Sommers hat Florian Mocquereau sich für die Aussaat einer Mischung aus Abessinischem Senf, Phacelia, Alexandrinerklee und Futterwicke entschieden. Diese Bodenbedeckung reduziert Auswaschungen, gibt dem Boden durch die Wurzeln Struktur und verbessert die Wasserverfügbarkeit für den Lein im folgenden Frühjahr. „Eine gute Bodenbedeckung macht den Unterschied. Auf den Schlägen, auf denen sie schlecht war, litt der Lein stark unter der Trockenheit”, berichtet der Ackerbau-Leiter.
Heikle Aussaat
Die Aussaat von Lein erfolgt zwischen dem 15. März und dem 15. April – ein Zeitfenster, das durch den Klimawandel zunehmend eingeschränkt wird. Der Ostwind, der in den letzten Jahren häufiger und trockener geworden ist, erfordert schnelles und präzises Vorgehen. „Vor der Aussaat bearbeiten wir den Boden mit einem Terrano FX tief, krümeln ihn dann mit einer Kreiselegge so weit wie möglich und walzen ihn, um die Feuchtigkeit zu bewahren“, erklärt Florian Mocquereau. Das Ziel: eine schnelle und effiziente Wurzelbildung bei gleichzeitig geringem Wasserverlust.

Die Wahl der Sämaschine ist strategisch wichtig. Infrage kommen hier die HORSCH Express oder Versa, die den Boden sehr intensiv krümeln, was den Druck durch Leinerdflöhe (nicht zu verwechseln mit dem Großen und Kleinen Blattkäfer) verringert, da diese Insekten unter Erdklumpen Schutz suchen. Andere Landwirte bevorzugen Sämaschinen wie die Pronto DC. Florian Mocquereau vergleicht beide Typen: „Ich verstehe die Wahl der Pronto DC, wenn die Flächenleistung im Vordergrund steht. Dann sollte man sich aber unbedingt für den Frontpacker und die Spurlockerer entscheiden. Die Krümelung ist aber trotzdem immer weniger intensiv und präzise. Je feiner der Boden ist, desto geringer ist der Erdflohbefall. Dann sind Insektizidbehandlungen weniger wirksam.“ Florian Mocquereau hat sich deshalb für die Express 4 KR entschieden. „Mit dem TurboDisc erzielen wir einen sehr guten Schluss zwischen Boden und Saatgut. Die sehr tief eingestellte Kreiselegge sorgt in Verbindung mit der Planierschiene, die die Erde in der Maschine hält, und einer Zapfwellendrehzahl von 1.000 min-1 dafür, dass die Größe der Erdklumpen um das Dreifache reduziert wird. Die Walze schließt das Verfahren ab, drückt den Boden wieder fest und zerkleinert die Reste.“

Romain Dechaumont, ebenfalls Leinproduzent im Departement Eure, hat sich für eine ähnliche Maschine entschieden: die Pronto 6 KR: „Die Aussaattiefe ist für Lein ein enorm wichtiger Faktor. Oft muss sehr flach gesät werden, in einer Tiefe von 1 cm. Bei trocknendem Wind sogar etwas tiefer, dabei aber die Bildung einer Kruste vermeiden, die das Auflaufen der Kultur beeinträchtigen würde. Mit der TurboDisc Schiene der Pronto KR gelingt uns das leicht.“ Traditionell säen einige Landwirte Lein mit einem Reihenabstand von 12,5 cm. „Das war auch bei uns der Fall“, erklärt Romain Dechaumont. „Aber unsere Hechelmaschine hat uns gezeigt, dass wir mit einem Abstand von 15 cm keinen Ertragsverlust haben. Der Abstand von 15 cm hat auch den Vorteil, dass man bei der Aussaat anderer Kulturen leichter durch die Ernterückstände kommt.“
Fokus auf Bodenverdichtung
Die Landwirte sind sich der Auswirkungen der Bodenverdichtung auf die Leinproduktion bewusst. Romain Dechaumont setzt bei der Aussaat einen Traktor mit Zwillingsbereifung vorne und hinten ein. „Normalerweise pflüge ich 50 % meiner Flächen ab dem 15. November, wenn die Bedingungen gut sind. Dadurch kann der Boden im Frühjahr früher trocknen und wir können bereits etwa ab dem 15. März mit der Bodenbearbeitung beginnen. Es wird aber keinesfalls bei zu feuchten Bedingungen gearbeitet, da der Traktor sonst Spuren im Boden hinterlassen und die Erträge gefährden würde.“ Florian Mocquereau ist der gleichen Meinung: „Sobald die Ernte eingebracht ist, denken wir bereits an die nächste Kultur. Der Mähdrescher ist mit einem Raupenlaufwerk ausgerüstet und die Mulden fahren nur in den Spuren der Spritze. Die Anhänger sind mit Niederdruckreifen ausgestattet und die Traktoren verfügen über eine Reifendruckregelanlage. Unser Betrieb ist nicht groß genug für einen eigenen Umladewagen. Der wäre ideal, um die Bodenverdichtung zu reduzieren. Die Mulden sind jedoch ein guter Kompromiss!“
Zunehmende Gesundheitsrisiken

Einmal aufgelaufen, ist Lein mehreren Gefahren ausgesetzt. Erdflöhe sind nach wie vor die größten Schädlinge und ihr Druck nimmt durch die immer milderen Winter jedes Jahr zu. Das Ausbleiben von Frost erschwert die natürliche Regulierung des Bestands. „Das lässt sich auch bei anderen Arten beobachten, wie zum Beispiel den Hornissen, die mittlerweile in großer Zahl auftreten“, bemerkt Florian Mocquereau.
Was Krankheiten angeht, ist der Mehltau am gefürchtetsten. In diesem Jahr trat er frühzeitig auf, bereits bei einer Pflanzenhöhe von 40 bis 50 cm, wahrscheinlich in Verbindung mit ausgeprägtem Wasserstress. „Lein ist eine Pflanze, die darauf sensibel reagiert, wodurch sich der Pilz leichter ansiedeln kann“, erklärt Florian Mocquereau. Normalerweise wird Mehltau mit zwei Fungizidbehandlungen bekämpft, doch in diesem Jahr waren mehrere Behandlungen mit geringeren Dosierungen erforderlich, um das Fortschreiten unter Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften einzudämmen.
Klima als entscheidender Faktor
Lein ist ein perfektes Beispiel für die Anfälligkeit von Kulturpflanzen gegenüber extremen Wetterbedingungen. Zu viel Wasser im Frühjahr verzögert die Aussaat manchmal bis Mai, während eine Dürre oder Hitzewelle während des Wachstumszyklus das Wachstum stark beeinträchtigen und Krankheiten begünstigen können. Übermäßige Niederschläge im Frühjahr und austrocknende Winde im Sommer machen den Anbau noch unsicherer.
Diese Schwankungen spiegeln sich in den Erträgen wider. In guten Jahren erzielen die Erzeuger 8 bis 9 t Stroh pro ha. In trockenen und von Mehltau geprägten Jahren sinken die Erträge jedoch auf 4 bis 5 t. Neben der Quantität wird auch die Qualität der Fasern direkt beeinträchtigt: Ein schwerer Pilzbefall kann zu einer Herabstufung der Fasermasse führen, wodurch der Wert der Ernte stark sinkt.

Die Hebel zu erkennen, mit denen diese Extreme bekämpft werden könnten, ist laut Florian Mocquereau schwierig: „Wasser ist das größte Problem. Nichts kann den Wassermangel ausgleichen.“ Romain Dechaumont bestätigt: „Wenn die Pflanze unter Stress steht, entwickeln sich Krankheiten, der Lein kann kleiner ausfallen und die Qualität wird oft beeinträchtigt. Die Bewässerung kann daher zu einem wichtigen Werkzeug werden, um die Auswirkungen von Wetterextremen zu begrenzen. Sowohl 2023 als auch 2025 konnte ich dank meines Bewässerungssystems die Erträge und den Anteil an Fasermasse retten. In solchen Jahren ermöglicht die Bewässerung einen potenziellen Gewinn von 1 bis 2 t Stroh und etwa 5 % Fasermasse.“
Fazit
Flachs ist eine sehr regionale Kulturpflanze, die sich in anderen Gegenden nur schwer entwickeln kann. Dennoch bestätigt sie vieles:
- Verdichtung ist ein großer Nachteil.
- Die Qualität des Saatbetts, die Aussaattiefe, die Verteilung des Strohs und die Einebnung sind besonders wichtig.
- Konditionierung sollte vermieden werden.
- Klimatische Extreme sind Realität.
- Selbst die lukrativsten Kulturen können katastrophale wirtschaftliche Ergebnisse generieren.
- Profitgier kann schnell zu einem Einbruch der Rentabilität des Betriebes führen, wenn das agronomische Gleichgewicht und die Fruchtfolgen nicht eingehalten werden.
Obwohl Dürreperioden ein echtes Problem darstellen, bleibt die Marktdynamik für Lein gut. Es entstehen sogar neue Absatzmärkte für kurze Fasern, die aufgrund wiederholter Dürren immer zahlreicher werden: Surfbretter oder Skier werden aus diesem Rohstoff hergestellt! Das zeigt: Resilienz muss das oberste Gebot bleiben – koste es, was es wolle.