Zurück in die Zukunft – Wie Innovationen von damals die Anforderungen von heute erfüllen
Zur Agritechnica 2023 hat HORSCH den Leeb Xeric vorgestellt und lässt damit ein Entwicklungsprojekt von vor 30 Jahren wieder aufleben. Im Interview erklärt Theo Leeb wie es dazu kam, was den pneumatischen Düngerstreuer auszeichnet und welche Erfahrungen man sammeln konnte.

terraHORSCH: Warum ist der Xeric für HORSCH LEEB mehr ein Wiedereinstieg als ein Einstieg in die Düngetechnik?
Theo Leeb: Der Xeric ist nicht der erste pneumatische Düngerstreuer, den wir entwickelt haben. Bereits 1994 gab es ein solches Gerät von Leeb. Das war damals das erste Entwicklungsprojekt, das ich für Michael Horsch gemacht habe. In den 90ern wurden zwei Prototypen mit 24 m Arbeitsbreite gebaut. Das Ziel war die hochpräzise Ausbringung von Dünger. Das bedeutet mit einer Applikationskarte auf Basis von Bodenproben. VariableRate und VariableRate per Section sowie SectionControl konnten wir damals schon umsetzen. Haupteinsatzbereich war die Grunddüngung, speziell Kali.
Allerdings war der Markt zur damaligen Zeit überschaubar. Zudem standen die GPS-Technik sowie das Thema Precision Farming längst nicht so im Fokus der Landwirte, wie es heute der Fall ist. Man kann sagen: der Markt war damals noch nicht so weit und deswegen ist diese Entwicklung vorübergehend wieder eingeschlafen.
Was gab den Ausschlag, das Projekt pneumatischer Düngerstreuer wieder aufleben zu lassen?
Die Entwicklung der ersten Maschinen liegt inzwischen 3 Jahre zurück – seither hat sich in der Düngetechnik vieles verändert. Besonders der Anspruch an die Präzision ist deutlich gestiegen und nähert sich zunehmend dem Niveau des Pflanzenschutzes an. Gleichzeitig rücken Aspekte wie Schlagkraft und der zunehmende Mangel an Arbeitskräften stärker in den Fokus. Schleuderstreuer stoßen in puncto Arbeitsbreite oft an ihre Grenzen. 36 m sind häufig das Maximum. In manchen Regionen ist das bereits ein erheblicher Kompromiss.
Präzision ist heute gleich doppelt gefragt: Einerseits wegen gesetzlicher Vorgaben, etwa bei Gewässerabständen. Andererseits, um Betriebsmittel effizient zu nutzen. Hinzu kommen klimabedingt kürzere Zeitfenster für die Ausbringung. Äußere Einflüsse wie Seitenwind können hier deutliche Ungleichmäßigkeiten in der Querverteilung verursachen.
Außerdem haben uns in den vergangenen Jahren immer wieder Kunden angesprochen, ob wir nicht wieder in das Thema einsteigen würden. Der Bedarf war also da. Das hat uns 2022 dazu bewogen, das Projekt erneut aufzugreifen.

Was hat man aus den Prototypen der 90er gelernt – und wie sind diese Erfahrungen in das heutige Konzept eingeflossen?
Im Grunde haben wir zwei Dinge gelernt. Erstens: Wenn wir hohe Aufwandmengen bei hoher Fahrgeschwindigkeit realisieren wollen, dann funktioniert das nur mit einer Drucktanklösung, bei der das gesamte Dosiersystem das gleiche Druckniveau hat – ähnlich wie bei großen Sämaschinen. Das bedeutet, der Hauptbehälter steht unter dem gleichen Druck wie die Dosierer. Dadurch wird kein Injektor benötigt, der große Leistungseinbußen mit sich bringt.
Um Dünger oder auch Saatgut per Luftstrom zu transportieren, gibt es zwei Möglichkeiten. Bei der ersten wird mit einem Injektor ein Unterdruck erzeugt, das zu fördernde Gut eingesaugt und im Luftstrom weitertransportiert. Für dieses Prinzip ist viel Leistung zur Erzeugung hoher Luftmengen nötig. Das zweite Verfahren ist das Drucktankverfahren, so wie man es bei großen Sämaschinen macht – mit sehr guten Erfahrungen. Hierbei steht das komplette System unter dem gleichen Luftdruck. Dadurch kann das zu fördernde Gut frei in den Transportluftstrom fallen. Bereits 1994 haben wir mit einem Drucktank gearbeitet.
Die zweite Sache, die wir aus der Vergangenheit lernen konnten, ist die Tatsache, dass Dünger, der pneumatisch gefördert wird, ähnlich abrasiv wie eine Sandstrahlanlage ist. Umlenkungen und Schläuche unterliegen daher starkem Verschleiß – Bögen galt es möglichst zu vermeiden. Diesen Fehler haben wir 1994 gemacht und schmerzlich daraus gelernt. Damals saßen die Dosierer unter dem Tank, weil das in unseren Überlegungen am einfachsten war, da der Dünger so vom Tank direkt in den Dosierer fallen kann.

Allerdings sind dadurch der Luftstrom und somit auch der Transportweg lang. Der Dünger muss unter dem ganzen Chassis nach hinten bis ins Gestänge transportiert werden und auf der Strecke sehr viele Schlauchleitungen und Umlenkungen passieren. Dies führte damals in relativ kurzer Zeit zu durchgescheuerten Leitungen. Das haben wir zwar dann in den Griff bekommen, aber wussten auch, dass man es besser machen kann. Aus diesen Überlegungen ist dann das Konzept für den Xeric entstanden.
Worauf basiert dieses Konzept?
Wir wollten den Förderweg für den Dünger so kurz wie möglich halten. Der Schlüssel hierfür ist der Dosierbehälter im Gestängemittelteil. Dadurch muss der Dünger nur in eine Richtung durch das Gestänge bis zur Düse transportiert werden. Der Dosierbehälter sitzt auf Wiegezellen und beinhaltet die komplette Dosierung. Er wird über Förderschnecken aus dem großen Vorratstank kontinuierlich befüllt. Durch diese Anordnung können wir mit relativ wenig Luftleistung hohe Ausbringmengen realisieren.
Was zeichnet den Xeric aus?
Kurz und knapp: Präzision und Schlagkraft. Aktuell können wir Arbeitsbreiten bis 48 m realisieren und sehen in Kombination mit der Pflanzenschutztechnik 48 m als die neue künftige Arbeitsbreite für größere Betriebseinheiten an.

Der Xeric bietet zwölf Teilbreiten – je nach Gestängebreite können so 3 oder 4 m Teilbreiten realisiert werden. Mit der gleichen Präzision wie bei der Pflanzenschutzspritze, mit SectionControl, CurveControl und VariableRate per Section. Aufgebaut ist das ganze auf einem ähnlichen Fahrgestell wie die Leeb 12 TD mit aktiver Lenkung – für eine hohe Wendigkeit – und Reifen mit einem Durchmesser von bis zu 2,15 m.
Ein großer Vorteil ist, dass man weitestgehend unabhängig von Wind arbeiten kann und das mit einer hohen Geschwindigkeit. Zudem spielt die Düngerqualität eine untergeordnete Rolle. Ich würde sogar sagen, dass sie keine Rolle spielt, was wirtschaftliche Vorteile bringt.
Der Xeric verfügt über eine gelenkwellenangetriebene Hydraulikversorgung, wodurch die Hydraulikleistung der betriebsüblichen Traktoren ausreicht. Was den Zugkraftbedarf angeht, sprechen wir beim Xeric über die 300 PS Klasse.
Der Düngerstreuer wurde auf der Agritechnica 2023 vorgestellt. Was zeigen die Erfahrungen aus der Praxis?
Unser Ziel war von Anfang an, das Kalibrieren des Düngers zu automatisieren. Wiegeelemente am Dosierbehälter werden die Kalibrierung bzw. Nachkalibrierung übernehmen Dieser Baustein wird derzeit optimiert. Die Erfahrungen dieser Saison zeigen, dass das auch notwendig ist, vor allem für Kunden, die am Tag häufiger die Düngersorten wechseln. Auch das manuelle Abdrehen wird zur nächsten Saison in der verfeinerten Version fertig sein.
Anfangs herrschte große Skepsis bezüglich des Düngertransports mittels Schnecken zum Dosierkasten. Die Sorge bestand darin, dass die Schnecken den Dünger stark zermahlen würden. Diese Sorge erwies sich aus unserer Sicht als unberechtigt. Der Dünger kann so ausgebracht werden, wie er eingefüllt wird. Wird granulierte Ware eingefüllt, kommt Granulat raus, wird Staub eingefüllt, kommt auch Staub raus.

Der Düngerstreuer hat ein Tankvolumen von 14 m3. Was bedeutet das für die Logistik der Betriebe?
Das Thema Logistik ist beim Düngen der zentrale Punkt für die Gesamtleistung. Durch das hohe Behältervolumen kann in Zeiten von Arbeitskräftemangel eine Person fast dieselbe Flächenleistung bedienen wie vorher ein Streuerfahrer und ein Zubringfahrer.
Die Pflanzenschutzspritzen zeichnen sich durch die Gestängesteuerung BoomControl aus. Welche Rolle spielt das bei der Düngetechnik?
In der Pflanzenschutztechnik ist das Thema Gestängesteuerung ein entscheidender Schlüssel, um durch ein niedriges Gestänge Abdrift zu reduzieren. Bei der Düngetechnik spielt das Thema Abdrift nur eine stark untergeordnete Rolle. Allerdings ist die exakte Gestängeführung entscheidend für die Querverteilung und höhere Fahrgeschwindigkeiten. Daher bieten wir auch hier die gleiche Präzision.
Gibt es Einschränkungen im Vergleich zur herkömmlichen Technik?
Durch das Gestänge ist der Xeric in kleinstrukturierten Gebieten nicht so agil. Der Fahrer muss beispielsweise auf Flächen mit Masten oder ähnlichem diese umfahren oder das Gestänge klappen. Deshalb sehen wir diese Technik derzeit eher in größeren Betriebseinheiten.
Ein weiterer Punkt sind mit Sicherheit die vergleichsweise höheren Anschaffungskosten, die daraus resultieren, dass deutlich mehr Technik als bei einem Scheibenstreuer verbaut ist. Dennoch überwiegen unter vielen Bedingungen die Vorteile des Systems.
Wie sehen die nächsten Schritte aus?
Aktuell ist der Xeric in Arbeitsbreiten von 36 und 48 m verfügbar. Für die Zukunft möchten wir uns bei der Gestängebreite breiter aufstellen, wie z.B. im nächsten Schritt die 39 m anbieten. Auch über ein Modell auf einer Achse denken wir nach – Argumente gibt es für und wider. Wir werden sehen.